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Köln im Wirtschaftwunder

Zeitzeugin Christa Ulmen (98) über Nachkriegsjahre, Lehrerinnenberuf, vier Töchter und den Mut, immer wieder neu anzufangen. (Teil 2)

Wir sind bei unserem ersten Gespräch im Er zählcafé mit Dino Kierdorf (einfachCellitinnen 4/25) bis zur unmittelbaren Nachkriegszeit ge kommen, als Ihr Vater Sie kurz nach Kriegsen de auf abenteuerliche Weise aus der Schulver legung in Kellenhusen abholte. Was haben Sie dann bis zum Beginn Ihrer Tätigkeit als Schul helferin gemacht? Mein Vater hat mir zum Beispiel auf dem Gelän de der Klöckner-Werke in Troisdorf das Auto fahren beigebracht. Den Führerschein hatte ich ja schon seit 1942. Wir hatten einen VW Käfer, einen mit Brezelfenstern hinten. Dafür hatte er eisern gespart: jede Woche fünf Reichsmark, bis die 1.000 Reichsmark für das Auto zusammen waren. Sie haben also noch während des Krieges den Führerschein gemacht? Warum nicht? Das war mein erster Schritt zum Erwachsenwerden. Den Führerschein zu ma chen war damals bei Weitem nicht so kostspie lig und zeitaufwendig wie heute. Zurück in Troisdorf bekamen Sie dann in Köln eine Stelle als Hilfslehrerin. Ja, die Stadt Köln vermittelte mir die Stelle. Es fehlten ja überall Lehrer. So fing ich in einer von Bomben halb zerstörten Schule an. Die Kinder kamen sehr gerne. Das war auch kein Wunder: Sie bekamen mittags von den Amerikanern eine warme Mahlzeit und Vitamintabletten. Außer dem waren sie dort in einer geschützten Umge bung, während ihre Eltern auf der Suche nach Arbeit, Nahrung oder einer angemessenen Un terkunft waren. Welchen Jahrgang haben Sie unterrichtet? Es gab keine differenzierten Klassen. Wer kam, wurde beschäftigt. Manche Kinder brachten Schulbücher ihrer älteren Geschwister mit. Un ser Unterricht war sehr kreativ und wir stellten uns täglich neu auf unsere Schüler ein. Haben Sie zu dieser Zeit in Köln gewohnt? Anfangs nicht. Ich fuhr jeden Tag von Troisdorf nach Köln. Für eine Strecke brauchte ich andert

Regionalleiter Dino Kierdorf mit Christa Ulmen im Interview

halb Stunden. Später fand ich in Köln-Rader berg ein Zimmer zur Untermiete.

Sie haben dann das Lehrerstudium nachge holt. Schon auf meinem Abiturzeugnis war unter dem Berufswunsch ‚Lehrerin‘ vermerkt. Der Wunsch bestand also schon lange. Zunächst wollte ich Gewerbelehrerin werden, doch nach meinen Erfahrungen als Schulhelferin ließ ich mich ab 1948 an der Pädagogischen Hochschu le zur Volksschullehrerin ausbilden. Das Studi um dauerte vier Semester und befähigte uns, die Klassen 1 bis 8, später bis zur 9. Klasse, zu unterrichten. War das Studium kostenfrei? Kostenfrei ja. In einigen Universitätsstädten mussten männliche Studienbewerber nach weisen, so auch mein Mann in Bonn, dass sie über eine gewisse Zeit Kriegstrümmer beseitigt oder andere Aufbaudienste geleistet hatten. Noch 1947 säumten in Köln meterhohe Trüm merberge die Straßen. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass sie jemals vollständig ver schwinden würden. Wie empfanden Sie die Zeit des Studiums? Es wurde schon viel von uns verlangt. Ich habe mich zusätzlich auf die ‚Missio canonica‘ vorbe

Nachkriegszeit: Spielen in Trümmern

60er Jahre: Schulklasse der Longericher Carl von Ossietzky Volksschule mit Lehrerin Christa Ulmen

„Ich habe mein Leben immer selbst in die Hand genommen“

Fotos: www.walter-dick-archiv.de, wikipedia

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