einfachCellitinnen_03_2025
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Wenn der Schmerz bleibt
„Ich hab’s doch nicht am Kopp, ich hab’s am Rücken!“
Interview mit Dr. Katrin Empt zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen Frau Dr. Empt, was ist bei der Behandlung chro nischer Rückenschmerzen so herausfordernd? Viele Patienten kommen mit großen Erwartun gen und dem Wunsch nach einer eindeutigen Diagnose. Aber chronische Rückenschmerzen sind multifaktoriell. Das bedeutet, die Entste hungsgründe sind komplex. Körperliche Schä digungen spielen ebenso eine Rolle wie psychi sche und soziale Faktoren. In der Schmerzklinik nehmen wir uns Zeit für eine ausführliche Anamnese. Wir fragen nach Vorerkrankungen, Verschleiß, Operationen, Traumata, Lebensweise, Stress im Alltag, Unzu friedenheit im Beruf und familiären Belastungen. Daran schließt sich ein individueller Behand lungsplan für den stationären Aufenthalt an. Welche Therapieziele verfolgen Sie? Das Ziel der multimodalen stationären Schmerz therapie ist die ‚Functional Restoration‘, also die funktionale Wiederherstellung. Es geht um die Verbesserung der Mobilität, Ausdauer, Beweg lichkeit und Alltagsfähigkeit. Realistisch ist nicht die Schmerzfreiheit, sondern eine Schmerzlin derung. All unsere Therapien zielen darauf ab, die Selbstwirksamkeit der Patienten zu stärken. Besonders ist bei uns das Biofeedback-Verfah ren, bei dem körpereigene Impulse sichtbar ge macht werden. Damit können die Patienten se hen, wie ihre Muskulatur arbeitet und auf Stress reagiert. Wir analysieren muskuläre Dysbalan cen, die Körperhaltung, den Gang und die Statik, so dass die Patienten ihre Körperwahrnehmung Wie gehen Sie vor? Was steht am Anfang der Behandlung? Welche Therapien haben sich als besonders wirksam erwiesen?
Akute Schmerzen haben eine wichtige Warn- und Schutzfunktion. Sie zeigen an, dass eine Schädigung oder Verletzung droht oder vorliegt, und helfen so, diese zu vermeiden. Was aber, wenn der Schmerz nicht mehr durch ein akutes Ereignis erklärt werden kann? Laut der Deut schen Schmerzgesellschaft sind rund 23 Millio nen Menschen in Deutschland von chronischen Schmerzen betroffen.
schärfer wird. Im Extremfall kann der ganze Körper betroffen sein“, erklärt Schwan. Vorbelastungen wie Stress, Depressionen oder Traumata kön nen laut der Expertin die Empfindung chronischer Schmerzen fördern. chronischer Schmerzerkrankungen erfordert ei nen multimodalen Therapieansatz, bei dem ein Team aus verschiede nen Fachbereichen eng miteinan der kooperiert, um die Patienten zu behandeln. Im Rahmen eines meist zweiwöchigen stationären Behand lungsprogramms arbeiten im Cel litinnen-Krankenhaus St. Antonius Physio-, Ergo-, Psycho- und Kunstthe rapeuten mit schmerztherapeutisch weitergebildeten Pflegefachkräften und ärztlichen Schmerztherapeu ten zusammen. Unter anderem wer den individuelle Medikamentenplä ne und Übungsprogramme erstellt. Außerdem werden im Rahmen von Patientenschulungen das Schmerz verständnis gefördert und Entspan nungsverfahren vermittelt. Das Ziel der Therapie besteht darin, dass die Patienten ihre Schmerzen nicht mehr als unausweichlich empfin den und sie selbst einen großen Einfluss auf ihre Schmerzen haben. (S. Sch.) Die Behandlung
verbessern können. Wir arbeiten interdisziplinär mit Physio-, Entspannungs- und Verhaltensthe rapeuten. Lassen sich die Patienten auf Verhaltensthera pie ein? Viele tun sich zuerst schwer. Den Satz „Ich hab’s doch nicht am Kopp, ich hab’s am Rücken!“ hö ren wir öfters. Wir lassen solche Bedenken zu und zwingen niemanden, Dinge zu erzählen, die er nicht möchte. Die Teilnahme an den Einzel gesprächen und Gruppensitzungen ist aber ver pflichtend. Mit niederschwelligen Fragen – „Wie gehe ich mit Stress um?“ oder „Wie sorge ich gut für mich?“ – holen wir die Patienten gut ab. Was ist der größte Aha-Effekt, den die Schmerz patienten erleben? Das ist der Moment, wenn die Patienten mer ken, dass sie selbst aktiver Teil der Therapie sind. „Hey, ich kann etwas für mich tun!“ Diese Erkenntnis ist der erste Schritt, wieder Kontrolle über das eigene Leben zurück zu gewinnen.
B ei chronischen Schmerzerkran kungen kann es vorkommen, dass zum Beispiel ein Bandschei benvorfall, der sich zurückgebildet hat und nicht mehr nachweisbar ist, wei terhin zu Schmerzen führt. „Um mei nen Patienten dieses Phänomen zu erklären, male ich gerne das folgende Modell auf: eine Gehirnwolke“, erklärt Dr. Christiane Schwan, Leiterin der Ab teilung für Schmerz- und Palliativme dizin im Cellitinnen-Krankenhaus St. Antonius in Köln. Das Modell zeigt an schaulich das Netzwerk im Gehirn, in dem Schmerzen verarbeitet werden. Es veranschaulicht, wie Informatio nen aus dem Körper über das Rücken mark an das Gehirn gesendet werden.
In diesen Verarbeitungsprozess sind aber auch die individuellen Lebenser fahrungen und Emotionen eines jeden involviert. All diese Informationen tra gen gemeinsam zur Beurteilung bei, ob und wie stark Schmerzen empfun den werden. „Eine gleiche Informati on kann daher von Person zu Person ganz anders empfunden werden. Be stehen Schmerzen über einen länge ren Zeitraum in einer Körperregion, kann es auf Ebene des Rückenmarks und des Gehirns zu Umbauprozessen kommen, die das Schmerzempfin den verstärken. Dann kann es pas sieren, dass Schmerzmedikamente nicht mehr wirken und das empfun dene Schmerzareal größer und un
Vielen Dank für das Gespräch! (I.G.)
Foto: Getty Images
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