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Wenn die Seele ihre Flügel ausbreitet Wie Sterbende im Seniorenhaus auf ihrem letzten Weg begleitet werden.

W er in ein Seniorenhaus zieht, weiß, dass dies das letztes Zuhause ist, und in dem sein Leben voraussichtlich en den wird. „Wenn keine klinischen Be handlungen erforderlich sind, darf der Bewohner bei uns sterben“, sagt Edda Bohnenkamp, die seit 2016 in der Pfle ge des Seniorenhauses St. Angela in Bornheim-Hersel arbeitet und schon viele Menschen während ihrer Nacht dienste begleitet hat. „Was Sterbende brauchen, ist vor al lem Ruhe und das ‚Da-Sein‘ eines an deren Menschen, der mit ihnen spricht und ihre Hand hält“, erklärt die beruf liche Quereinsteigerin Bohnenkamp. Das Team des Wohnbereichs schafft durch vertraute Düfte, Lieblingsmusik, Vorlesen, basale Stimulation (einfache Sinnesreize), Berührungen und die richtige schmerzlindernde Medikati on einen Rahmen, in dem Bewohner angstfrei sterben dürfen. Unterstützt werden sie dabei von externen Mitar beitern der spezialisierten ambulan ten Palliativversorgung (SAPV). Auch hausintern gibt es examinierte Pflegekräfte mit Palliativ-Care-Wei terbildung wie Lesly-Ann Rödiger. Sie sorgen unter anderem dafür, dass die Medikamente den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Be wohner in der letzten Lebensphase angemessen sind. „Manche haben Angst vor Schmerzen, andere ma

Beziehung wahren wir eine profes sionelle Distanz. Das ist wichtig, vor allem für uns selbst. Wir lernen viele nette Bewohner kennen, die früher oder später bei uns versterben. Da mit umzugehen ist nicht immer leicht. Aber wenn wir wissen, dass wir alles in unserer Macht Stehende getan ha ben, um einen schmerz- und angst freien Tod zu ermöglichen, hinterlässt das Zufriedenheit, Stolz und Dankbar keit.“ Nach dem Tod helfen Rituale, etwa das Öffnen eines Fensters, damit die Seele ihren Weg findet. Wie im Ge dicht des Lyrikers Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“ Diese Zeilen werden auch gern bei Nachrufen zitiert. „Wenn es zeitlich möglich ist, nehmen wir auch an der Trauerfeier teil“, sagt Bohnenkamp. Es gibt Zeiten, in denen monatelang kein Bewohner stirbt. Dann plötzlich versterben mehrere Menschen kurz nacheinander. Auch das überrascht die erfahrenen Pflegekräfte nicht. In der Pflege sagt man oft: „Einer macht die Tür auf, einer geht hindurch, ein Dritter schließt die Tür.“ „Und tatsäch lich bewahrheitet sich diese Erfahrung immer wieder“, erklärt Rödiger. (C.L.)

Am Ende zählt die Nähe Warum Schweigen und Dasein in der palliativen Versorgung oft die tiefste Form von Kommunikation sind.

W ährend eines Einsatzes auf der Pal liativstation im Rahmen meiner Ausbildung begleitete ich einen Pa tienten Anfang 30, dessen Gesundheitszustand sich infolge langjährigen Drogenabusus deutlich verschlechtert hatte. Bereits vor der ersten Be gegnung war klar, dass seine verbleibende Le benszeit begrenzt sein würde. Zugleich wurde mir aus dem Team berichtet, dass der Patient in der Versorgung besondere Herausforderungen mit sich bringe. Entsprechend zurückhaltend übernahm ich seine Pflege. In der direkten Begegnung zeigte sich rasch, dass es sich weniger um schwieriges Verhalten handelte, als vielmehr um einen Menschen in einer existenziellen Ausnahmesituation. Über etwas mehr als eine Woche durfte ich ihn be gleiten. In dieser Zeit entwickelte sich ein ver trauensvoller Kontakt, der über die reine pfle gerische Versorgung hinausging. Es entstanden viele Gespräche, in denen der Patient von seinem Leben, seiner Vergangen heit und von Themen erzählte, die ihn rück blickend beschäftigten. Schuld, Reue und ver passte Chancen nahmen dabei viel Raum ein. Kommunikation bestand nicht nur aus Worten, sondern ebenso aus aufmerksamem Zuhören,

aus Pausen und dem gemeinsamen Aushalten von Emotionen.

In einzelnen Situationen blieb ich auch nach Dienstende noch bei ihm, um Gespräche fort zuführen oder einfach präsent zu sein. Diese Form der Begleitung empfand ich als ruhig und wertvoll. Trotz der kurzen gemeinsamen Zeit entstand eine Nähe, die für mich beispielhaft für eine individuelle und würdevolle Sterbebeglei tung steht. An meinem letzten Arbeitstag verabschiedete ich mich im Frühdienst von dem Patienten. Spä ter erfuhr ich, dass er im Spätdienst verstorben war. In unserem letzten Gespräch hatte er sich ausdrücklich für die Betreuung bedankt. Mir fie len keine passenden Worte ein, und ich antwor tete lediglich: „Gerne.“ Rückblickend erscheint mir diese einfache Ant wort stimmig. Nicht jede Situation lässt sich sprachlich auflösen. Auch Schweigen kann Teil einer ehrlichen Kommunikation sein. Diese Erfah rung hat mir gezeigt, dass es nicht immer große Worte braucht – oft reichen Anwesenheit, Zeit und echte Präsenz. Gerade in der palliativen Ver sorgung kann Zuwendung eine Form von Kom munikation sein, die über Worte hinausgeht. (H.R.)

Lesly-Ann Rödiger (l.) und Edda Bohnenkamp: zwei engagierte Pflegekräfte, die schon viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet haben

chen sich Sorgen über Unerledigtes in ihrem Leben“, sagt die 33-Jährige. „Un erledigt sein können Aussprachen mit Partnern, Geschwistern oder Kindern. Manchmal gibt es auch Familienge heimnisse oder traumatische Erleb nisse, über die Sterbende unbedingt noch sprechen möchten, bevor sie gehen.“ Für die Mitarbeiter in Seniorenhäu sern gehört es dazu, Bewohner in ih ren letzten Tagen und Stunden zu be gleiten. „Es ist nicht schrecklich, wenn Menschen nach einem langen Leben ihre Augen für immer schließen“, sagt Rödiger. „Wir sind nicht die Angehöri gen. Bei aller Fürsorge und lebendiger Lebendige Beziehung und professionelle Distanz

Foto: Adobe Stock

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