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einfach verwurzelt
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Gott gibt den Opfern ihre Würde zurück, die ihnen von Menschen geraubt wurde. «
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österlichen Geschehens, das wir als Christen in diesen Tagen feiern. Kei ner schreit mehr allein, so sehr er sich auch allein gelassen fühlen mag. Jesus schreit mit ihm, er schreit in ihm. Auch Jesus bringt das Leiden und den güti gen Gott nicht zusammen. So ist aber auch die Frage erlaubt: Ist die Sinnlo sigkeit des Leidens nicht noch schwe rer auszuhalten, wenn ich an einen guten Gott glaube? Jesus schreit alle Schreie der Men schen in die dunkle Tiefe Gottes hin ein. Seitdem ist Gott dieses Schreien nicht fremd. Er wohnt nicht in unbe rührter Herrlichkeit und Ferne. Gott selbst schreit in Jesus und in allem Leiden der Menschen sein „Warum?“. Warum sind die Menschen so? War um leben sie nicht aus der geschenk ten Liebe? Warum stört die gelebte Liebe Jesu die Macht und die Ordnung der Menschen? Überall dort, wo Menschen, egal um welcher Sache willen, geopfert wer den, sind andere Götter im Spiel: die Götzen der Macht und einer von Machtmenschen erstellten ‚Ordnung', damals in Rom, in unserer Zeit die Götzen des Nationalismus und des Rassenwahns. Manchmal leider auch in der eigenen Religion, gerade dort, wo diese sich von Politikern und Fa natikern für deren Zwecke missbrau chen lässt; die Götzen der ‚Fake News' und der Mitleidslosigkeit ebenso wie die anonymen Götzen des unge hemmten Kapitalismus. Gott steht auf der Seite der Entrechteten
Der Gott und Vater Jesu aber ist an ders. Er steht auf der Seite der Opfer. Er ist selber das „gejagte Wild“. Schon im Alten Testament heißt es: „Ich habe den Schrei meines Volkes ge hört!“ Gott selbst hebt jede Rechtfer tigung von Menschenopfern, egal wel cher Art und zu welchem Zweck, auf. Er zerreißt die bequemen Ausreden des Verdrängens und Vergessens. Da reicht nicht das Waschen der Hände in scheinbarer Unschuld. Die Kraft des Kreuzes Hier, am Boden des Leidens, des Lei dens aller Menschen, steht das Kreuz Jesu Christi. So sehr ihn das Kreuz auch zu Boden drückt, so wird in der biblischen Überlieferung doch auch seine geheime Souveränität deutlich, die in seiner Auferstehung nach sei nem Tod am Kreuz ihren Höhepunkt erfährt. Wir spüren es im Leiden der vielen, die nach ihm und zu jeder Zeit seine Zeugen wurden: Wer sich so auf Jesus einlässt und auf sein Leiden, dem kann keine Macht der Welt et was anhaben. Das sehen wir nicht nur bei bekann ten Menschen wie Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer, sondern ebenso bei vielen Frauen und Männern, deren Namen wir nicht kennen; aber auch bei dem französischen Jesuitenpater Victor Dillard, der als Elektriker und mit falschen Papieren ausgestattet während des Zweiten Weltkriegs bei uns in Wuppertal in einer Fabrik arbei tete und ‚nebenbei' die französischen Zwangsarbeiter seelsorglich betreute, bis er nach Denunziation und Verhaf
tung schließlich im KZ Dachau starb. Bei ihnen erkennen wir die Kraft, die vom Kreuz Jesu ausgeht. Eine Kraft, die mächtiger ist als die Macht der scheinbar Mächtigen. Gott steht immer und ausschließlich auf der Seite der Opfer. Er gibt den Opfern ihre Würde zurück, die ihnen von Menschen – vielleicht mitunter auch von uns? – geraubt wird. Und so steht er auch auf meiner Seite, inmit ten all meiner Ohnmacht und meines Leidens. Er gibt auch mir die Kraft, das Leiden nicht einfach hinzunehmen, sondern es zu überwinden, wo und wie immer das möglich ist, es aber auch zu tragen, wo es mir auferlegt wird, ohne darin unterzugehen. So feiern wir mitten im Karfreitag unsere Hoffnung auf Leben, die sich mit dem Osterfest vollendet.
Am Ende das Leben
W enn wir – auch in unseren Krankenhäusern – Ostern feiern, dann begehen wir diese Tage als Sinnbild unseres Le bens. Wir können das Leid der Men schen, unser eigenes und das unse rer nächsten Angehörigen, das Leid so vieler, nicht nur von Krankheiten, sondern von Gewalt und Unrecht Gequälten und Vernichteten, nicht wirklich verstehen oder deuten. Auch scheinbar fromme Deutungen helfen da nicht weiter. Leid als Strafe Gottes? Leid als Sühne für die Schuld anderer? Leid als Läuterung und Prüfung unse res Glaubens? Sicher, das Leid ist der Ernstfall des Glaubens, aber erschöpft sich darin sein Sinn? Die bohrende Frage bleibt: Was ist das für ein Gott, der das Leiden duldet, es wie ohnmächtig hinnimmt? Ist das Leid der Unschuldigen, der un schuldigen Kinder zumal, das Leid der vielen, die an schrecklichen Krankhei ten leiden, die verhungern oder Op fer von Kriegen und Unterdrückung werden, nicht die Widerlegung eines
„guten“ Gottes? Auch unser ganz persönliches, eigenes Leid dürfen wir nicht wegschieben und verdrängen. Es gehört zu uns. Wir könnten unse ren Glauben getrost vergessen, wenn wir das Dunkel in uns nicht zulassen könnten, ohne irre zu werden. Dem Leiden nicht ausweichen Auch Jesus hat das Kreuz nicht ge sucht. Aber er ist dem Kreuz nicht ausgewichen, als es ihm in der Kon sequenz seines Handelns und Redens auferlegt wurde. Auch Jesus hatte keine Erklärung für sein Leiden. Er hat „Blut geschwitzt“. Er hatte Angst. Er hat geschrien. Er hat geklagt und nach dem verborgenen, dem schweigen den Gott gefragt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22). In seinem Aufschrei sind alle Schreie der Menschheit versam melt. Leiden kann man nicht erklären. Lei den ruft aber nach Solidarität im Lei den, ruft nach Mitleid und Mitleiden. Und genau darin liegt die Mitte des
Ostern als Zumutung – und als Hoffnung mitten im Dunkel.
Der Autor, Pfarrer Dr. Reiner Nies wandt, ist Leiter der Katholischen Krankenhausseelsorge in Wupper tal und Krankenhausseelsorger an den Cellitinnen-Krankenhäusern St. Josef und St. Petrus.
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